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Mein Leben mit Prothese

"Aufgeben ist für mich keine Option"

Geschrieben von Sigrun Passelat am 7. Dezember 2018 11:47:48 MEZ

Mit der Prothese ins Flugzeug: Auf nach Kopenhagen!

Prothese ins Flugzeug
Kennen Sie das Märchen vom standhaften Zinnsoldaten? Der mehr Mut mit nur einem Bein bewies als seine Kollegen mit zwei Beinen? Er inspiriert mich und führte mich nach Kopenhagen. Hier kommen meine Tipps für das Reisen mit Prothese.

Leben nach der Beinamputation:
Ich bin standhafter

Durch das Reisen in meiner Kindheit mit meinen Eltern nach Dänemark bin ich schon früh mit den Märchen von Hans-Christian Andersen vertraut gemacht worden.

Deswegen hat es mich umso mehr gefreut, kürzlich die Gelegenheit zu bekommen, mich auf die Suche nach dem standhaften Zinnsoldaten zu begeben. Habe ich ihn gefunden?

“Der standhafte Zinnsoldat” ist ein Märchen von Hans-Christian Andersen, in dem es um einen Zinnsoldaten geht, der nur mit einem Bein entstand, weil das Zinn fürs zweite Bein nicht mehr reichte.

Trotz seines fehlenden Beines war er aber genauso „standhaft“ wie seine Zinnsoldatenkollegen mit zwei Beinen. Eigentlich war er sogar viel mutiger und mit mehr Leben und Liebe erfüllt als seine Kameraden.

Mich berührt dieses Märchen, denn auch ich habe gemerkt, dass der Verlust eines Beines nicht unbedingt bedeuten muss, dass das Leben nicht mehr lebenswert ist. Ganz im Gegenteil: Durch den Verlust des Beines bin ich ebenfalls „standhafter“ geworden.

Fragen zur Prothese? Gern her damit!

Auf meiner Reise nach Kopenhagen, konnte ich etwas von der Stimmung aufnehmen, die schon damals Hans-Christian Andersen inspirierte.

Vielleicht kann ich dem ein oder anderen Mut machen, ähnlich zu denken wie ich.

Ich bin gerne bereit, etwas von meiner neuen Lebenseinstellung weiterzugeben. Wenn es Fragen rund um das Thema Prothese – vor allem Beinprothese –, Amputation und Versorgung danach, Kosten und Möglichkeiten der Technik gibt, stehe ich gerne zur Verfügung.

Neuer Call-to-Action (CTA)

Bei den Vorbereitungen und meiner Reise nach Kopenhagen selbst, habe ich gemerkt, dass es für viele Amputierte nicht so einfach ist, die besten Tipps für einen Urlaub mit Handicap zu erhalten. Deshalb finden Sie an dieser Stelle wichtige Reiseinformationen zusammengefasst, die das Reisen mit Prothese vereinfachen.

Reisevorbereitung für Flüge mit Prothese innerhalb Europas

Diese Tipps helfen, um das Einchecken und den Flug selbst reibungslos zu gestalten:

  • Prothesenpass vom Hersteller bereithalten

  • Notwendigkeitsbescheinigung vom Arzt (wenn man Werkzeug, wie z.B. Schraubendreher mitführen muss)

  • Im Idealfall sollte man eine Bestätigung des Gelenkherstellers mitnehmen, die das Scannen der Prothese untersagt, da die Funktion der Gelenke durch das Scannen (Röntgenstrahlung) beeinträchtigt werden kann.

    Prothesenpass

  • Buchen der Unterstützung bei eingeschränkter Mobilität mind. 48 Stunden vor Abflug am Flughafen, falls gewünscht oder notwendig.

  • Durch mein häufiges Fliegen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Inanspruchnahme des Services für mich eine Erleichterung und weniger Stress darstellt.

  • Es besteht ein international verwendetes System, welches die Fluggesellschaften zur Einstufung für die Fluggäste mit Handicap nutzen:

    • WCHC (Kabine) bedeutet, dass der/die Reisende vollständig immobil ist, für den Weg zum/vom Flugzeug auf einen Rollstuhl angewiesen ist, Stufen hinauf-/hinabgetragen werden muss und Hilfe beim Einnehmen/Verlassen des Sitzplatzes benötigt.

    • WCHR (Rampe) bedeutet, dass der/die Reisende Stufen selbst bewältigen und den Sitzplatz eigenständig einnehmen/verlassen kann. Er benötigt jedoch einen Rollstuhl für den Weg zum Flugzeug.

    • WCHS (Stufen) bedeutet, dass der/die Reisende nicht in der Lage ist, Stufen hinauf-/hinabzusteigen, doch den Weg zum/vom Sitzplatz selbst bewältigen kann. Er ist für die Strecke zum Flugzeug auf einen Rollstuhl angewiesen und muss die Stufen hinauf-/hinabgetragen werden.

  • Sollte man unter Volumenschwankungen leiden, sollte man unbedingt daran denken, die notwendigen Stumpfsocken mitzunehmen

Tipps für Menschen mit Behinderung am Flughafen

Hilfreiche Hinweise vor dem Einstieg und am Terminal:

  • Falls man einen Treffpunkt mit Blick auf eine besondere Assistenz vereinbart hat, sollte man sich mindestens zwei Stunden vor Abflug am Check-in einfinden.

  • Am besten lässt man sich am Check-in vom Service abholen, dieser begleitet einen durch die Security (Sicherheitskontrolle)  bis hin zum Gate und Flugzeug.

  • Sofern sich am Flughafen ein Bahnterminal befindet, kann man sich bereits von dort abholen bzw. bei Ankunft dort hinbringen lassen.

  • Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man vor allen anderen Passagieren in die Kabine kommt, passiert leider nicht immer. Ich empfehle deshalb, das Bodenpersonal vor dem Boarding darauf aufmerksam zu machen, dass man diesen Service gebucht hat.

  • Bei Mitnahme einer Badeprothese soll diese in einem Prothesensack (Prosthesis Bag) verstaut werden und die Prothese als Sperrgepäck aufgegeben werden.

    Prosthesis Bag

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich beim Fliegen die Prothese ausziehen muss, da sich mein Stumpf durch den Druckverlust, der beim Fliegen entsteht, sehr stark verändert. Er nimmt an Volumen ab.

In so einem Fall ist es wichtig, darauf zu bestehen, dass man das Flugzeug als Erste(r) betritt, um in Ruhe die Prothese ausziehen und sicher im Gepäckfach verstauen zu können. Bei Ankunft verlässt man üblicher Weise das Flugzeug als letztes und wird dann vom Service bis zum Ausgang begleitet.

Fazit zum Reisen mit Prothese

Es ist kein Problem, auch nach einer Amputation bzw. mit Prothese eine Flugreise zu unternehmen. Mit ein paar Vorbereitungen und Tipps am Flughafen klappt es ohne Schwierigkeiten. Wichtig ist: Nehmen Sie Hilfe in Anspruch, wenn Sie Ihnen zusteht! Ja, man ist trotz Handicap standhaft, aber man muss sich das Leben auch nicht schwerer machen als nötig.

Übrigens: Gefunden habe ich den Zinnsoldaten in Kopenhagen nicht, konnte aber von seiner Lebenseinstellung gegenüber Zweibeinern viel mitnehmen. Er hat mich inspiriert, die Suche nicht aufzugeben, jemanden zu finden, der einen so akzeptiert wie man ist.

Der Zinnsoldat hat ja seine Liebe zu einer Balletttänzerin entdeckt und festgestellt: Auch wenn man unterschiedlich ist, kann man zueinander finden.

Gibt es Fragen oder weitere Tipps? Gerne in den Kommentaren hinterlassen!

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