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Mein Leben mit Prothese

"Aufgeben ist für mich keine Option"

Geschrieben von Sigrun Passelat am 30. Juli 2019 15:00:00 MESZ

Nach Chemo und neuer Amputation: 5km-Lauf geschafft!

Schwebebahnlauf-Sigrun

Fünf Kilometer durch die Wuppertal City laufen: Was für viele geübte Freizeitsportler bereits eine Herausforderung bedeutet, ist mit Prothese und gerade überstandener Chemo-Therapie ungleich schwieriger. Aber ich wollte auch mit Handicap zeigen, dass das klappt.

Motivation nach Schicksalsschlägen

Was hat mich dazu angetrieben, bei so einem Event wie dem Wuppertaler Schwebebahnlauf mitzumachen? 

Da ich mir immer wieder neue Ziele in meinem Leben mit Prothese setze, stelle ich mich auch immer wieder vor neue Herausforderungen.

Das ist es, was mich dazu treibt, nie aufzugeben. Viele Menschen haben nach Schicksalsschlägen ein Problem damit, sich neue Ziele zu setzen, doch dank der Unterstützung von Familie und Freunden schaffe ich es immer wieder, mich neu zu motivieren, meinen inneren Schweinehund zu überwinden.

Genau das passierte auch, als ich gefragt wurde, ob ich mit meinen Kollegen beim Schwebebahnlauf mitlaufen möchte. Okay, von laufen kann noch nicht die Rede sein. Eher in einem flotten Tempo gehen. An richtiges Laufen ist nach so einer kurzen Zeit natürlich noch nicht zu denken. 

Ich stehe ja nach der letzten Amputation im Januar, erst seit gut vier Monaten wieder auf der Prothese. Obendrein gehe ich mit einer ganz normalen Alltagsprothese und laufe nicht mit einer Sportfeder.

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Prothese gebrochen – am Tag vor dem Start

Doch genau das hat mich dazu angetrieben, dieses Wagnis einzugehen. Das Vorhaben schien zunächst leider jedoch zum Scheitern verurteilt. Am Tag davor habe ich Gleichgewichtsübungen durchgeführt, empfohlen von meinem Physiotherapeuten – und prompt bricht mein Interimsschaft. Dank einer Notreparatur eines Kollegen aus dem Sanitätshaus klappte es aber gerade noch rechtzeitig. 

Glück gehabt! Die Motivation war wieder da und der Sonntag konnte kommen. Mein Nervenkostüm wurde schon vor dem Lauf auf eine harte Probe gestellt. Unzählige Bekannte und meine beste Freundin fanden sich an der Strecke ein, um mir alles Gute zu wünschen.

Der Druck, der somit auf mir lastete, nahm unentwegt zu. Zudem bin ich ja jemand, der sich selbst unter Druck setzt. Ein Scheitern gibt es für mich nicht. Um kurz vor 16 Uhr konnte auch ich endlich, in Begleitung von zwei Kolleginnen mit deren Partnern sowie einem Fotografen von der Agentur „Simply different“ auf die 5km-Strecke gehen.

Auf der 5km-Strecke: Zweifel, ob ich mit Behinderung durchhalte 

Das Teilnehmerfeld riss sehr schnell auseinander, und die ersten Zweifel kamen auf, ob ich es doch nicht hätte bleiben lassen sollen. Meine Prothese bereitete mir immer wieder Probleme. Nach gut 1,5 km musste ich sie das erste Mal ausziehen, der Stumpf fing übermäßig an zu schwitzen, was leider dann dazu führt, dass ich das Vakuum verliere. Also hieß es: Prothese aus, Stumpf und Schaft trocknen. 

Wenn man dann miterleben muss, dass das Teilnehmerfeld hinter einem immer kleiner wird, kommen die Zweifel erst recht auf. Doch dank der Unterstützung meiner Begleiter, gab ich nicht auf. Der Kampf gegen mich selbst hatte begonnen. 

Nach der 2,5 km-Wende fing leider mein Körper langsam an zu rebellieren. Das Durchhalten fiel immer schwerer, die Schmerzen nahmen unentwegt zu. Der innere Schweinehund musste in die Schranken gewiesen werden. Verzweiflung machte sich breit.  

Unzählige Gedanken schießen einem in diesem Moment durch den Kopf. Hält mein Stumpf das aus? Der Druck auf den Knochen ist ja recht groß. Mute ich mir nach so kurzer Zeit nach der letzten Chemo-Therapie doch zu viel zu?

Der Kreislauf fing an, große Probleme zu bereiten, ebenso der Stumpf. Mittlerweile waren nur noch die Johanniter hinter uns, wir waren die letzten auf der Strecke.

Das Ziel vor Augen: So schaffte ich den Schwebebahnlauf mit Prothese
Erfolg beim Schwebebahnlauf

Dank der Hilfe von Passanten – sie versorgten mich mit Traubenzucker – fing sich mein Körper wieder. Das Ziel lag langsam vor Augen.

Der Ziellinie immer näher kommend, nahmen auch die Zuschauer wieder zu und der damit verbundene Applaus. Jeglicher Schmerz schien auf einmal vergessen, ich sammelte daraus die letzte Kraft, es über die Ziellinie zu schaffen.

Mit einer Zeit von 1.17:54 h habe ich es durchgezogen. Jegliche Anspannung, jeglicher innerlicher Druck, der auf mir lastete, fiel ab. Meine Emotionen habe ich in diesem Moment nicht verbergen können und ehrlich gesagt, wollte ich es auch nicht. Emotionen zu zeigen, ist auch eine ganz große Stärke  – und davon habe ich, so glaube ich, reichlich. 

Vielleicht kann ich dem ein oder anderen etwas davon abgeben. Meine Zeit war zwar nicht die beste, aber was zählt schon die Zeit? Ankommen zählt und die Hürden zu nehmen, denen ich immer wieder aufs Neue ausgesetzt werde. Frei nach dem Motto „Aufgeben ist für mich keine Option“ bzw.  “Life without Limitations“.

Obwohl schon ein paar Tage ins Land gegangen sind, werde ich noch immer auf meine
Leistung angesprochen, von Passanten oder auch Fahrgästen im Bus. Sie haben mich entweder beim Lauf oder aber im erschienen Artikel der Westdeutschen Zeitung gesehen. Dass es letzten Endes so eine Reichweite hat, war mir vorher nicht bewusst.

Über eine ganz besondere Ehrung habe ich mich wahnsinnig gefreut: Frau Kramarz 1. Vorsitzende des
Schwebebahnlaufs, stand plötzlich bei uns in der Filiale im Sanitätshaus und überreichte mir
einen Pokal und einen Strauß Blumen.
Sie wollte mir persönlich zum Lauf gratulieren und zu meiner erbrachten Leistung. Ich sei ein Vorbild
sowohl für Nichtbehinderte als auch Behinderte, meinte sie. Ich möge bitte genau so weiter
machen, meinte sie. Was soll ich da noch sagen? Ich bin sprachlos...

Ich bedanke mich herzlich bei allen, die mich unterstützt haben. Habt Ihr euch auch schon mal Ziele gesetzt, die eigentlich unerreichbar wirken? Gerne könnt Ihr mir Eure Fragen und Kommentare hinterlassen.

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