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Mein Leben mit Prothese

"Aufgeben ist für mich keine Option"

Geschrieben von Sigrun Passelat am 9. Oktober 2019 16:09:23 MESZ

Strongman Run 2019 Köln: Als einzige Amputierte war ich dabei

Strongman Run 2019

Ich habe  – verrückt wie ich bin am 26.09.2019 – einfach bei einem Gewinnspiel auf Instagram mitgemacht, ohne wirklich daran zu glauben, eine Chance auf den Gewinn zu haben. Dort verloste die Fitness Kette Flexx Fitness zwei Wildcards zum Fisherman’s Strongman Run am Fühlinger See am 28.09.2019.

Denn jetzt dürft Ihr raten, wie es ausging – ich habe tatsächlich gewonnen! Begleitet wurde ich wie auch bei dem Schwebebahnlauf von dem Fotografen Matthias Sandau, der das Projekt Simply me ins Leben gerufen hat. Er hatte kurzfristig Zeit und ist extra den weiten Weg aus Bad Reichenhall nach Köln gekommen.

An eine Vorbereitung war ja in der Kürze der Zeit nicht zu denken. Doch das war vielleicht auch gut, denn so konnte ich ohne mir einen Kopf zu machen an die Sache herangehen. Der Schwebebahnlauf  hat dazu beigetragen auch weiterhin über meine Grenzen hinauszugehen. Die 5 km waren sozusagen nur zum Warmlaufen gedacht. 

Pünktlich um 8.30 Uhr starteten wir in Sportklamotten Richtung Köln. Im Gepäck befanden sich neben trockner Wäsche, Schuhe und Handtücher dieses Mal auch was gegen meinen Unterzucker. Bei großer körperlicher Anstrengung gerate ich leider sehr schnell in diesen Bereich.

Start über die 10-Kilometer-Strecke am
Fühlinger See

 Am Ziel angekommen hieß es für uns, unsere Startunterlagen abzuholen und sich mit der Crew von Flexx Fitness  zu treffen. Unser Lauf über den Strong10 – 10 km durch unwegsames Gelände und Hindernisse – startete erst mittags. Die Anspannung und die Nervosität stiegen von Minute zu Minute immer mehr an. 

Mittlerweile hatte auch der Co-Moderator der Veranstaltung Wind davon bekommen, dass ich als amputierte Läuferin auf die Strecke wollte, was ihn dazu veranlasste, spontan vor Tausenden von Menschen ein kurzes Interview mit mir zuführen. So richtig wohl war mir dabei nicht…  auch wenn man mir das wahrscheinlich nicht abnimmt.

Zu meiner Freude lernte ich an diesem Tag einen besonderen Menschen kennen: Josef Riefert, er setzt sich seit vielen Jahren für Inklusion bei ganz unterschiedlichen sportlichen Events ein. Oft ist er als Clown selbst mit auf der Strecke. Sofort war Vertrautheit da, wir kamen ins Gespräch, mit dem Resultat, dass wir eine Zusammenarbeit auf ehrenamtlicher Basis mit mir planen.

Dank ihm startete ich mit Tausenden von Mitläufern im Rücken nach einem Warm Up pünktlich um 13 Uhr. Das Feld riss sehr schnell auseinander. Zweifel über meine Entscheidung kamen dieses Mal nicht auf.

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Über die Hindernisse trotz Gehstützen

Ich stand so unter Adrenalin, um solch einen krassen Lauf als einzige Amputierte auf Unterarmgehstützen durchzuziehen. Schmerzen in den Händen machten sich schnell bemerkbar, was aber dem Willen es zu schaffen keinen Abbruch tat. Die Strecke führte uns erst ein ganzes Stück über den  Rundweg am Fühlinger See entlang, bevor es über das erste von 16 Hindernissen ging. 

foto1

Für mich waren die Hindernisse und Wege teilweise mehr als beschwerlich. Jedoch muss ich den Organisatoren und  Sicherheitsleuten ein ganz großes Lob aussprechen. Alle waren informiert, dass ich mich auf der Strecke befinde, und sie hatten die Anweisung, mir ein Hindernis zu untersagen, sobald ich mich in Gefahr begeben würde. Ich habe tatsächlich nur 5 Hindernisse nicht bewältigen können.

Auch bin ich von der Hilfe und den sehr aufbauenden Worten der anderen Mitläufer mehr als angetan. Dieses Gefühl, jemand ganz Normales zu sein, findet man äußerst selten. Manch ein Hindernis konnte ich nur durch die Hilfe anderer überwinden, zum Beispiel die 7 Meter hohe Slide. 

Foto2

Was mich aber richtig glücklich stimmt, ist die Tatsache, dass ich trotz meines Handicaps nicht als Letzte die Ziellinie überschritten habe, mit einer Zeit von 2:51:39. Nach mir sind noch einige Läuferinnen und Läufer ins Ziel gekommen.

Mein Ziel: mehr Akzeptanz für Menschen mit Handicap in der Gesellschaft

Für mich zeigen solche Events, dass man trotz Handicap von der Gesellschaft akzeptiert werden kann. Leider mache ich aber diese Erfahrung bisher nur auf der sportlichen Ebene. Ich hoffe, dass ich mit der Teilnahme an diesen Veranstaltungen ein Umdenken bewirken kann – auch wenn es dafür Zeit braucht.

Für das Jahr 2020 plane ich mit Josef Riefert das nächste Event: Ich möchte im Herbst 2020 am Köln Marathon in einer Staffel mit weiteren gehandicapten Läufern teilnehmen. Mein Ziel ist es, bis dahin meine Sportprothese zu haben. 

Etwas ganz Spannendes anderer Art erwartet mich am 10. Oktober 2019. Da stehe ich als Motivationstrainerin am Sonderpädagogischen Förderzentrum St. Zeno in Bad Reichenhall vor mehreren Schülern und halte einen Vortrag darüber, was mich dazu veranlasst, trotz aller Rückschläge nie aufzugeben und immer mehr als 100% zu geben.

Wie es mir ergangen ist und ob es ein Erfolg war, werde ich in meinem nächsten Beitrag berichten.

Vielleicht möchte ja der ein oder andere einen Kommentar da lassen und mir berichten, wie er/sie sich immer wieder aufs Neue motiviert.

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