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Gesundheitswissen kompakt

Blickpunkt Pflege –Tipps und Unterstützung für Sie

Geschrieben von Lars Neumann am 30. September 2016

Orthopädietechnik: Handwerk, High Tech und Superhelden

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Wieder gehen können. Oder greifen. Endlich ohne Schmerzen sein. Oder auch nicht mehr schief angeschaut werden. Die Orthopädietechnik macht all das möglich – und noch viel mehr. Das Schöne an dem Job ist nämlich, dass er Menschen unmittelbar hilft. Und sie einfach glücklicher aus einem Sanitätshaus herauskommen als sie hineingegangen sind. Hier erfahren Sie mehr über die Motivation eines Meisters der Orthopädietechnik.

Wussten Sie, dass auch Superhelden Prothesen und Orthesen tragen? “Iron Man” zum Beispiel, der zeigt, wie cool und hilfreich zugleich eine Prothese sein kann.

Nun wird es bestimmt noch einige Jahre dauern, bis wir Bionik anwenden können. Aber die Technik macht riesige Fortschritte, und unter anderem mit Hilfe der 3D-Drucker sollen schon in den kommenden zehn Jahren ganz neue Versorgungen möglich sein.

Wieder eine spannende Herausforderung für Lars Neumann, Orthopädietechnikermeister beim Wuppertaler Sanitätshaus Beuthel. Überhaupt steckt in seiner Arbeit jeden Tag ein bisschen Aufregung. Denn wer erlebt, wie erkrankte Menschen aufblühen, weil sie mit dem passenden Hilfsmittel viel selbstständiger und schmerzfreier sind, der weiß, wofür er jeden Morgen aufsteht. Im Interview erzählt er, was ihn antreibt und welche Fragen Kunden oft stellen.

 

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Was ist Deine Aufgabe im Sanitätshaus Beuthel bzw. Dein Fachgebiet?

Ich bin gelernter Orthopädietechnikermeister und sehr vertraut mit der individuellen prothetischen und orthetischen Versorgung unserer Kunden. Zur Zeit schnuppere ich aber zusätzlich in die anderen Firmenbereiche herein, um eine gute Gesamtübersicht über das Unternehmen Beuthel zu erhalten.


Mal findet man den Begriff Orthopädietechnik, mal technische Orthopädie: Was bedeutet das und gibt es einen Unterschied?

Kurz gesagt: Die Orthopädietechnik löst orthopädische Probleme am Haltungs- und Bewegungsapparat mit technischen Hilfsmitteln. Die technische Orthopädie auch. Es hört sich nur ein wenig moderner an, beschreibt aber das Gleiche.

Welche Bereiche umfasst die Orthopädietechnik?

In der Orthopädietechnik gibt es die zwei großen Bereiche der Orthetik – also alles rund um Orthesen – und der Prothetik. Während sich die Orthetik mit der Kompensation muskulärer Defizite, der Stabilisierung, Entlastung oder Ruhigstellung von Gelenken oder mit der Korrektur von Gliedmaßen beziehungsweise dem Rumpf beschäftigt, wird in der Prothetik versucht, die Funktion von fehlenden Gliedmaßen wieder auszugleichen.

 

Mit welchem Anspruch geht der Techniker an die Arbeit? Was braucht ein guter Orthopädietechniker?

Ein Orthopädietechniker braucht in erster Linie ein gutes Hintergrundwissen über die menschliche Anatomie und die orthopädischen Erkrankungen, mit denen unsere Patienten zu uns kommen. Zudem darf der Techniker nicht scheu sein und sollte mit jedem Patienten gleichermaßen gut zurechtkommen. Was aber mindestens genauso wichtig ist wie die gute Zusammenarbeit mit dem Patienten: das technische Verständnis und die handwerkliche Fähigkeit, dem Patienten das für ihn passende Hilfsmittel zu erstellen.

Wie sieht die Hilfe ganz konkret aus: Gibt es vielleicht eine Geschichte aus dem Job, die Dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Besonders in Erinnerung geblieben sind mir aus der Zeit meiner Ausbildung, die Kunden, die nach einer Amputation von uns mit einer Prothese versorgt wurden und zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf “eigenen Beinen” standen. Diese Momente vergisst man als Techniker nicht so schnell und sie motivieren einen enorm.

Kannst Du, zum Beispiel anhand einer Knieprothese oder Oberschenkelprothese, erklären, wie der Ablauf für den Kunden ist?

Bei der komplexen Versorgung eines Kunden, der im Bereich des Oberschenkels amputiert wurde, ist die Adaption zum Körper – die Herstellung des Schaftes – das Wichtigste. Denn der Schaft stellt die Verbindung zwischen Körper und Hilfsmittel her und sollte hundertprozentig gut passen, damit die Prothese bestmöglich gesteuert wird.

Hier gibt es die verschiedensten Möglichkeiten, angefangen bei der Schaftgestaltung, wobei sich in den letzten 20 Jahren hier einiges im Sinne der Patienten getan hat. Die ehemals längsovale Schaftform wurde von dem MAS-Schaft (Marlo Anatomical Socket) abgelöst, der einen sehr großen Bewegungsspielraum im Hüftgelenk für den Patienten zulässt. Auch die Auswahl der Materialien wird stetig weiterentwickelt. So gehören Schäfte aus hautfreundlichem Silikon heute schon zur Standard-Versorgungen, die erhebliche Vorteile gegenüber dem Schaft aus Holz haben.

Seit fast 20 Jahren steht Oberschenkelamputierten auch eine Vielzahl an Mikroprozessor-gesteuerten Kniegelenken zur Verfügung. Diese Gelenke unterscheiden anhand von Sensoren, ob sich die Prothese gerade in der Standphase oder in der Schwungphase befindet. In der Standphase ist es von allergrößter Bedeutung, dass der Kunde sicher auf der Prothese stehen kann, ohne, dass diese einknickt. Das Vertrauen in die Prothese ist sehr wichtig.

Die Einstellungen, bei welchem das Gelenk von der Standphase in den unsicheren Zustand der Schwungphase wechseln, lassen sich bei diesem sehr genau auf den Patienten und seinen Bewegungsablauf einstellen.

In der Schwungphase ist es wichtig, dass das prothetische Kniegelenk genauso wie das erhaltene Bein auf der anderen Seite schwingt. Dies kann man auch am Computer einstellen, und es wird während den Anproben zusammen mit dem Patienten ausgetestet. Zusätzlich läßt sich bei den modernen Gelenken natürlich auch das Verhalten beim Bergablaufen oder auch beim Hinsetzen individuell einstellen, das heißt, wie schnell darf das Knie einknicken? Alles muss auf die persönlichen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt sein.

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Was sollten die Kunden oder Patienten mitbringen, wenn sie ein Hilfsmittel aus der Orthopädietechnik möchten? Welche Fragen hörst Du oft?

Viele Kunden fragen, ob sie mit ihren Hilfsmitteln wie beispielsweise einer neuen Prothese oder einer Orthese für das Bein auch zum Schwimmen gehen dürfen. Dazu muss man wissen, dass viele elektronische Gelenke für Prothesen nicht wasserfest sind. Es gibt aber auch schon neuartige Prothesen, die wasserfest oder spritzwassergeschützt sind.

Mit der Beinorthese sollte das Schwimmen ebenfalls vermieden werden, da die Gelenke und Scharniere aus Metall sind und die Gefahr besteht, dass sie anfangen zu rosten. Es gibt aber spezielle Prothesen wie auch Orthesen, die dafür gebaut sind, nass zu werden und auch zum Schwimmen oder Baden geeignet sind. Da kann man dann auch der Kreativität freien Lauf lassen: So wollen manche Patienten auch Prothesen mit Schwimmflossen haben.

Häufig wird auch gefragt, wie es sich mit dem Auto fahren verhält. Hier gibt es spezielle Umbauten, die Prothesen- und Orthesenträgern helfen, mobil zu sein. Meistens reicht auch ein herkömmliches Auto mit Automatikgetriebe aus, um mit einer Prothese selbst ein Auto lenken zu dürfen.

Wenn es um eine neue oder um eine Erstversorgung handelt, haben unsere Patienten oft Hemmschwellen und wissen auch nicht so recht, was sie erwartet. Hier ist es die Aufgabe des Orthopädietechnikers, mit viel Empathie auf den Patienten einzuwirken, um so eine Vertrauensbasis zu schaffen. Der Patient ist über jeden einzelnen Prozess der Versorgung und der Vorgehensweise zu informieren. Auch gehört hierzu nochmals die Aufklärung über das vorliegende Krankheitsbild und das Besprechen der Krankheitsgeschichte.

Zu Deinem Aufgabengebiet gehört ebenfalls die Analyse der Kunden auf dem Laufband. Was erwartet den Patienten hier? Wie kann ihm da zum Beispiel bei Rückenschmerzen geholfen werden?

Auf dem Laufband, das integrierte Sensoren zur Fußdruckmessung hat, können Fußfehlstellungen sehr deutlich identifiziert werden. So eine Fehlstellung des Fußes kann viele Auswirkungen haben – und sich wie bei einem Fundament im Hausbau auch bis nach oben zum Kopf hin durchziehen. Mit sensomotorischen Einlagen können wir dann zum Beispiel die Haltung des Patienten ändern und so auch positiv auf Rückenschmerzen wirken. Dies muss natürlich individuell von Patient zu Patient erprobt werden.

Es geht bei der Orthopädietechnik um eine Profession, welche Handwerk mit High Tech verbindet. Was ist das Spannende für Dich an dem Beruf?

Jede neue Versorgung eines Patienten ist eine neue Herausforderung mit immer anderen Hürden, die man überwinden muss. So wird es nie langweilig. Mir macht auf der einen Seite die Arbeit mit dem Kunden sehr viel Spaß. Auf der anderen Seite ist es für mich sehr reizvoll, mit neuen und anderen Materialien in der Werkstatt zu arbeiten und zu experimentieren.

Vor 25 bis 30 Jahren wurden die Kohlefaser-Technologie analog zur Formel 1 in der Orthopädietechnik eingeführt. Heute verarbeiten wir Hochtemperatur-vernetzte Silikone, die fantastische Eigenschaften für den Anwender haben. Ich bin gespannt, mit welchen Materialien wir in Zukunft arbeiten werden, ohne jedoch die traditionellen Werkstoffe wie Leder und Holz zu vergessen, die immer noch ihren Stellenwert haben.

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